In der Wohnung war es dunkel. Ich machte das Licht an, streifte die Schuhe ab und legte Geldbeutel und Schlüsselbund auf die Garderobe. Sie war an diesem Abend zu Hause geblieben, und so versuchte ich leise zu sein, obwohl ich sie gut genug kannte, um zu wissen dass sie noch wach war. Ich machte mich im Bad fertig, löschte das Licht und tapste im Dunkeln ins Schlafzimmer (wir hatten uns nach einigen Tagen in getrennten Schlafstätten gegenseitig versichert, dass es kein Problem wäre, aus Gründen der Bequemlichkeit wieder das große gemeinsame Bett zu teilen).
Als ich mich unter die Decke drehte, hörte ich sie tief seufzen. Ich legte mich auf meine linke Seite, ihr zugewandt. Meine Augen gewöhnten sich langsam an die Dunkelheit, und aus dem Schwarz schälte sich ihr Gesicht heraus. Ihre Augen waren geöffnet. Sie sah mich an.
„Hallo“, flüsterte ich sanft.
„Wie war´s“? fragte sie traurig.
„Ganz nett.“
„Wo wart ihr?“
„Im Tagblatt.“
„Mhm.“
Ich spürte, daß es ihr nicht gut ging.
„Ist irgendwas?“ erkundigte ich mich.
„Mir geht´s nicht so gut. Wieder dieses Herzstechen.“ Sie fing an zu weinen.
Ich rutschte näher zu ihr und gab ihr einen Kuss auf die Stirn.
„Das ist bestimmt der Stress.“
Sie drehte sich schniefend auf die andere Seite, um in ein Taschentuch zu schneuzen. Sie legte es beiseite und blieb auf dem Rücken liegen, mit nassglänzenden Augen zur Decke starrend. Ich streichelte ihr über die Wange und wischte mit dem Daumen die Tränen von ihrer Schläfe. Sie fing ganz heftig an zu zittern.
„Mir ist so kalt“, bibberte sie.
Ich zog ihr die Decke bis zum Kinn, kuschelte mich an sie, um sie zu wärmen, und schlang meinen Arm über ihren Bauch, um ihr zu zeigen, dass sie nicht alleine war. Sie drehte sich mit dem Rücken zu mir und wir schmiegten uns ineinander wie zwei zusammengehörende Puzzlestücke. Sie griff sich meine Hand, die vor ihrer Brust auf der Bettdecke ruhte, und presste ihre Lippen darauf.
„Warum kann das nicht aufhören? Ich will endlich wieder ohne Schmerzen leben.“ Ich küsste sie auf den Nacken und drückte ihre Hand fester.
“Warum tut der da oben mir das an?“ fuhr sie fort. „Was habe ich nur verbrochen? Welchen Sinn hat das alles?“
Ich sagte nichts. Die Wahrheit war, dass es keinen Sinn gab, dass jeder sein Kreuz zu tragen hatte, und dass es kein Entrinnen gab. Doch die Wahrheit ist nicht immer leicht zu ertragen. Auch meine buddhistischen Weisheiten würden ihr nichts nützen, im Gegenteil, mit diesem Tick hatte sie noch nie viel am Hut gehabt, damit konnte ich ihr jetzt nicht kommen. Und das wirklich tragische ist, dass dir keine Religion der Welt helfen kann, wenn du nicht weißt, woran du glauben sollst.
Also schwieg ich. War einfach nur da. Bald beruhigte sie sich, hörte auf zu schlottern. Wir tauchten gemeinsam in einen leichten, traurigen Schlaf. Mein Bewusstsein wurde leer, Bildfragmente schwebten herbstblattgleich durch eine dunkle Traumwelt. Braun, rot und gelb. Ich spazierte verloren über das Laub, das sich am Boden sammelte. Der Himmel warf ein tiefes Stöhnen auf mich herab. Nasse Blätter zogen mir die Füße weg, und ich zuckte erschrocken zusammen.
Wenn einem draußen die süße Nachbarin über den Weg läuft,
und sie sich eine blonde Strähne aus dem Gesicht streift,
bevor sie verlegen Hallo sagt -
dann ist der Tag gerettet.
Das Verhältnis nach unserer Trennung war schwer zu beschreiben. Nachdem wir uns dazu entschlossen hatten, die Geschichte zu beenden, folgten zehn Tage kühler, abweisender Distanziertheit meinerseits. Ich konnte nicht anders, denn in mir brannte eine abgrundtiefe, jegliche Art positiven Gefühls im Keim erstickende Enttäuschung, die mein gesamtes Inneres erfüllte. Sie reagierte auf meine Abneigung verletzt. Die Gleichgültigkeit, mit der ich ihr begegnete, trieben ihr jedesmal Ströme von Tränen über die Wangen und über den Hals, und ich sah mich hin und her gerissen zwischen Zweifeln, schlechtem Gewissen und einer beängstigenden Art von Genugtuung: einer wohltuenden Gewissheit, daß ihr das alles so zusetzte. Und dennoch tat es mir jedesmal leid, ihr mit meinem Verhalten so weh zu tun.
„Ich hoffe nur,“ sagte sie dann des öfteren und wischte sich mit einem durchtränkten Taschentuch die Tränen vom Gesicht, „ich hoffe nur, daß wir uns irgendwann einmal wieder in die Augen sehen können, daß wir irgendwann einmal wieder ein normales Verhältnis haben werden. Und vor allem hoffe ich, daß du mich irgendwann einmal verstehen wirst.“
„Glaube mir, ich verstehe dich“, pflegte ich zu antworten, und ich verstand sie wirklich, auch wenn ich sie eigentlich hassen sollte für den Schmerz, den sie mir zugefügt hatte. Aber ich war schon immer zu weich, zu verständnisvoll. Die Erfahrung, jemanden zu hassen war mir völlig fremd. Das hatte mir schon öfter Probleme bereitet. Auch Anerkennung gebracht, sicher, aber was bedeutet das schon im Endeffekt? Ich hatte zuviel Gefühl, das würde immer mein wunder Punkt sein.
Nach dieser Phase der unterkühlten Reserviertheit folgte eine zaghafte Annäherung. Meine Wunden schlossen sich, es gab Dinge zu regeln, vor allem musste ich schnellstens eine Wohnung für mich finden. Das Wissen um ihre innere Zerrissenheit veranlasste mich nun immer häufiger dazu, sie in den Arm zu nehmen oder ihr den Kopf zu streicheln, wenn sie zum unzähligen Male in Tränen ausbrach. Ich flüsterte ihr tröstende Worte zu, stets darum bemüht, die nötige Unverbindlichkeit zu wahren. In solchen Momenten fühlte ich mich wie ein guter Freund, und das machte mir Angst, denn ich wollte nicht nur ihr guter Freund sein. Ich wollte sie. Das Gefühlschaos fing dann jedesmal von vorne an. Ich wurde wieder abweisend, das tat ihr weh, was mir leid tat, und so weiter und so fort.
Wir waren fast jeden Tag unterwegs, sie mit ihren Freundinnen, ich mit meinen Freunden. Ich dehnte die Touren so lange als nur möglich aus, es war mir ein Graus, in die noch gemeinsame Wohnung zurückzukehren, sie war erfüllt von unangenehmen Gefühlen, schmerzgetränkt, düster, trostlos. Diese im Grunde genommen so schöne Wohnung, die wir gemeinsam zu einem Friedhof glücklicher Erinnerungen gemacht hatten, sie wurde mir zur Last.
Und an solch einem Tag, an dem ich wie so oft spät abends mit einem mulmigen Gefühl in der Brust in die noch gemeinsame Wohnung schlich, geschah es dann.
Den heutigen Feiertag und das gleichsam schöne Wetter habe ich genutzt, um meine alten Wanderschuhe zu entstauben und eine Runde durch die Pampa zu hatschen. Langsam wird es nämlich Ernst mit der Bergtour, zu der ich mich in meinem jugendlichen Leichtsinn habe hinreißen lassen. Man muss dazu sagen, dass ich vorsichtig geschätzt seit ca. 15 Jahren auf keinen Berg mehr gegangen bin und auch sonst kaum noch sportlich aktiv war. Nun habe ich ja letztes Jahr meine Liebe zum Snowboarden entdeckt und dadurch wieder vermehrt Höhenluft geschnuppert. Die frische Luft, die Bewegung, die schöne Aussicht von oben - all das möchte ich jetzt regelmäßig auch immer Sommer wieder genießen. Und so habe ich mich dem knappen Dutzend Kollegen angeschlossen, die ein bis zwei Mal im Jahr eine Tour machen.
Die letzte Zeit war mindestens einmal die Woche Rad fahren angesagt, um Kreislauf und Kondition wieder halbwegs auf Vordermann zu bringen - mit mäßigem Erfolg. Und nun wurde es wirklich Zeit, die Schuhe wieder einzulaufen. Also ab an den Stadtrand, hügeliges Gelände gesucht und hinein ins Vergnügen:
Natur pur war das heute. Ein Hase hoppelte vor mir seines Weges, Eidechsen raschelten im Gras, und alle dreißig Meter huschte eine Maus über den Pfad und verschwand in ihrem Loch (siehe Bild oben, Mitte, die Maus war zu schnell). Ich legte mich tempomäßig ganz schön ins Zeug und anfangs lief es gar nicht schlecht. Doch schnell drückten hier und da einige Stellen im Schuh, und nach dreißig Minuten scheuerte ich mir langsam die ersten Hautfetzen ab. Also kurze Rast und ein paar Fotos gemacht.
Der Rückweg wurde zur Tortur. Mit brennenden Füßen schleppte ich mich zurück und schlurfte dabei immer langsamer vor mich hin. Der Kreislauf ging in den Keller. Grashüpfer sprangen leichtfüßig neben mir her und lachten mich aus. Vögel segelten schwerelos über mich hinweg. Ich kroch fast auf Knien. Aber ich biss mich durch und schaffte es doch noch bis zum Auto.
Gute Aussichten für die anstehende Tour. Da habe ich dann auch noch einige Kilo Gepäck auf dem Buckel. Watzmann, ich komme!
...wenn sich das Hirn nicht zwischen Servus und Tschau entscheiden kann, und man den anderen mit “Sau!” verabschiedet. Noch peinlicher, wenn der andere eine Frau ist ^^
Ein Herr Adorno oder so hat gerade orakelt, dass Blogger, die Videos in ihre Beiträge einbetten, in ein paar Jahren aber sowas von in die Bredouille kommen werden, weil sie sich vor Urheberrechtsklagen nicht mehr retten können. Er zeichnet das Bild eines Bloggers, der dann, wenn es soweit ist, verzweifelt seine Archive durchforstet und angstschweißgebadet versucht, sein Blog von den Videobeiträgen zu säubern, die er in der Vergangenheit wegen seiner Quotengeilheit und Einfallslosigkeit gepostet hat.
Tja, das hat der Blogger nun davon, dass er so blauäugig seinen Musikgeschmack dadurch demonstrieren wollte, dass er hochqualitative Musikvideos zur Verfügung stellte, welche die Besucher seiner Seite dann massenhaft auf DVD brannten und für teures Geld verkauften, was wiederum Metallica und Madonna und überhaupt die ganze Musikindustrie in den Ruin trieb. Nicht zu vergessen natürlich die Filmindustrie, die seit Jahren am Stock geht, weil der gemeine Blogger Trailer und Filmschnipsel in HD-Qualität unter die Leute streut. Nun unterzeichnet der Urheberrechtsverbrecher schon in Gedanken den Offenbarungseid, den er in Anbetracht unzähliger potenzieller Kläger und Abmahner leisten muss, und denkt wehmütig an die alten Zeiten zurück, als es kein WorldWideWeb und keine Blogs, aber noch Musik-Kassetten von BASF gab, die er innerhalb eines elitären Freundeskreises tauschte. Damals als er noch jung und ohne Angst war und sich ein Social Network auf die nächste Nachbarschaft, die Klasse 8b und den Bolzplatz beschränkte.
Mag sein dass das YouTube-Orakel recht hat. Hat es unrecht, dann kann sich eh niemand mehr an die Prophezeiung erinnern. Hat es recht, dann kann es mit der Aura der Unfehlbarkeit die Hand über seine Gemeinde heben und rufen: “Hab ichs euch nicht gleich gesagt?” Aber zum Glück kann die Apokalypse noch abgewendet werden, indem man die einschlägigen Videoplattformen meidet, ja am besten gleich ganz ignoriert und sich seiner lyrischen Tugenden zurückbesinnt.
Noch ist es aber nicht soweit, und im Moment ist die Chance größer, von einem Perückenträger mit Künstlernamen verklagt zu werden, weil man es gewagt hat seinen echten Namen zu nennen, oder von Mariannes Kochstüberl abgemahnt zu werden, weil man ihr eine Tomate aus google geklaut hat. Ja Leute, wenn das Orakel recht behält und sich auch sonst nicht viel ändert, dann wird bloggen für die Normalos und Einfaltspinsel und Quotengeilen unter uns bald zum unbezahlten Fulltimejob. Statt zehn Minuten brauchen wir dann nämlich acht Stunden mindestens, um einen rechtlich nicht belangbaren und rundum abgesicherten und sauberen Artikel zu schreiben. Einen Artikel mit selbstgemachten Bildern, selbstgedrehten Videos und selbstzensierter Meinung. Und die latente Angst vor Klagen und Abmahnwellen wird sich immer tiefer in unser Gemüt graben, bis wir eines Tages mit Augenringen und fahlem Gesicht in der Psychotherapiepraxis sitzen und erschrocken zusammenzucken, weil das Wrack zwei Stühle weiter eine Kaugummiblase platzen ließ. Es wurde halt einfach zu viel. Die Nachbarn potenzielle Terroristen, die Kollegen Mobber, der Chef korrupt, und der Mitbürger mit Migrationshintergrund vom Gemüseladen um die Ecke, der ist auch verdächtig, der lächelt in letzter Zeit so komisch. Und jetzt auch noch die Videos.
Na dann macht mal schön. Ich für meinen Teil will aber Trailer bei den Filmfreunden sehen. Ich will wissen welches Musikvideo mir Nerdcore heute empfiehlt. Ich will mir Funclips bei orschlurch angucken. Wie der Komiker da ohne Perücke aussieht will ich nicht unbedingt wissen, aber wo wir schon mal dabei sind. Ich will mir YouTube-Videos in anderen Blogs anschauen wann ich will, weil die so schön bunt sind, und weil Videos eben zum anschauen da sind. Und wenn ich grad keine sehen will, dann surf ich halt woanders hin. Ich will anderen zeigen was mir gefällt und Anregungen mit ihnen tauschen, so wie ich früher Comichefte, Matchboxautos und Aufkleber von Fußballspielern getauscht habe. Ich als Privatperson habe damit früher keinem weh getan, und ich tue heute keinem weh damit. Und ich will, mal abgesehen davon, als Privatperson meine Meinung sagen dürfen, ohne haarklein auf jedes Wort achten zu müssen, damit mir auch ja keines davon zum finanziellen Verhängnis wird.
Das Urheberrecht wurde schon lange von der Wirklichkeit überholt, auch wenn es viele noch nicht begriffen haben. Klagewellen helfen da wenn überhaupt, dann nur temporär. An den Tatsachen ändern sie dennoch nichts. Das Netz ist, wie es ist. Es lebt, es pulsiert, es wandelt sich, und es lässt sich ungern einschränken. Das Netz ist Vielfalt. Es ist vital und unbekümmert. Klar, ein Künstler soll an seiner Kunst auch verdienen, keine Frage, und geistiges Eigentum muss vor professionellem Diebstahl geschützt werden. Aber wer heutzutage als Künstler oder mit seiner Marke verdienen will, der muss MIT dem Netz arbeiten, und nicht dagegen. Wie so etwas funktioniert haben nicht zuletzt Bands wie die Arctic Monkeys oder Kampagnen wie Horst Schlämmer macht Führerschein gezeigt. Dass Apple und EMI ihre Lieder zukünftig ohne Kopierschutz anbieten wollen, kommt auch nicht von ungefähr. Sie haben die Zeichen der Zeit erkannt und gehen neue Wege. Das alleine macht sie so sympathisch und trendy, dass es sich insgesamt eigentlich nur auszahlen kann. Wie kontraproduktiv Abmahnungen und Klagen sein können, muss der Komiker mit der Perücke gerade feststellen. Zwar führten seine Maßnahmen gegen die Nennung seines wirklichen Namens dazu, dass diesen nun tatsächlich keiner mehr explizit in den Mund nimmt, aber da das Netz nun einmal nichts vergisst und die Leute bei Geheimnistuerei erst recht neugierig werden, ist sein Name jetzt wesentlich bekannter als vorher.
Okay, das waren jetzt zwei Themen auf einmal, aber es passt grad so gut zusammen. Mit dem was man sagt muss man momentan halt noch aufpassen. Aber ich werde in meinem Blog weiter Videos einbetten, entweder um ein Thema anschaulicher zu gestalten, oder einfach nur so weil es mir Spaß macht oder weil es mich interessiert oder weil ich es mit anderen teilen möchte. Manchen mag das gefallen und manchen eben nicht. Ich mache mein Blog in erster Linie für mich, und gönne mir den Luxus, keine Besuchergruppen oder Meinungen bedienen oder Quoten steigern zu müssen. Der einzige Anspruch, den ich erfüllen muss, ist mein eigener. Klar, falls die böse Prophezeiung wirklich wahr werden sollte und YouTube-Verwerter irgendwann zur Kasse gebeten werden, ist mir mein Portmonee näher als das Blog. Aber ich werde sicher nicht panisch meine Archive durchforsten. In der Artikelverwaltung nach youtube suchen, alle markieren, alle löschen, das wars. Oder wenn ich die Artikel behalten will, dann eben das Suchen-und-Ersetzen Tool drüberlaufen lassen. Kostet mich beides keine fünf Minuten. Das Netz würde es allerdings Vielfalt kosten, und die User ein Stück Freiheit. Und das wäre echt traurig.
Wie versprochen hier noch ein paar Südtirol-Bilder. War ‘ne gute Gelegenheit mir endlich mal ‘nen flickr-Account anzulegen.
Chapeau!
(oder eingedeutscht: Schapo! Heißt soviel wie “Hut ab!” Höre ich mittlerweile fast täglich - hauptsächlich im TV und manchmal sogar RL. Wird gerne von Schnöseln und Möchtegern-VIP’s verwendet. Vielleicht kann ich’s deswegen nicht ab. Krieg ich Ausschlag von ^^)
Sie muss alles unter ihrer vollen Kontrolle haben. Sie erträgt es nicht, wenn etwas einfach so seinen Gang geht oder selbstvergessen vor sich hin treibt. Die Dinge des alltäglichen Lebens wollen gesteuert werden und straff organisiert sein.
Deswegen ist es ihre zweitliebste Beschäftigung, Angelegenheiten zu delegieren. Und zwar vornehmlich Angelegenheiten, die sich entweder von selbst erledigen würden (aber eben nicht gleich sofort und unter ihrer Regie); oder aber solche, die anderen Menschen zu profan oder zu gut eingespielt erscheinen um Energie und Aktion daran zu verschwenden.
Sie hat ihre Delegierungsfertigkeiten derart gut fortentwickelt, dass sich ihre Opfer kaum noch wehren, ja sogar so gut dass sich viele anfangs nicht einmal bewusst sind, dass sie Opfer sind. Bis sie irgendwann merken, dass sie sich nicht mit ihrer eigentlichen Arbeit beschäftigen, sondern durch unnötige, ja teilweise fast haarsträubend periphäre Belanglosigkeiten davon abgehalten werden. Einer Sirene gleich scheint sie ihre Opfer zu betäuben und an der Nase herumzuführen. Wo sie auftaucht wächst kein Gras mehr. Sie ist der Gesteinsbrocken, der auf die spiegelglatte Oberfläche eines Gebirgssees geworfen wird. Sie ist die Verstopfung, die den Gartenschlauch aufbläht und ihn platzen lässt. Sie ist der Wolf, der in eine Herde weidender Schafe einfällt.
Nur als Beispiel: Es vergeht kein Tag, an dem sie keine Sonderaufgabe für die Putzfrau im Büro hat. “Frau Gehpunkt, wären Sie so nett, über meinen Monitor drüber zu gehen?” - “Frau Gehpunkt, würden Sie bitte mal über den Schreibtisch des Kollegen Pehpunkt wischen, der schaut ja schon furchtbar aus.” - “Frau Gehpunkt, da unten auf den Lehnen unserer Drehstühle sammelt sich der Staub, ich wäre Ihnen sehr verbunden. Vielen Dank.” Für die Tage, an denen sie selbst nicht im Büro ist, informiert sie vorab einen Kollegen über die zur Erledigung anstehenden Reinigungsarbeiten. Und wenn gerade kein Kollege greifbar ist, dann schreibt sie Instruktionszettel und legt sie dem Beauftragten ihrer Wahl auf den Tisch.
Sie spricht jeden zuerst mit Namen an, bevor sie zum inhaltlichen kommt, und man fühlt sich dabei fast so, als würde man vor dem Richter sitzen, der zur Verkündung des Urteils anhebt. Das erste, was sie von jemandem wissen will, mit dem sie es neu zu tun hat, ist dessen Name. Und zwar vollständig. Egal ob es der neue Kunde, der neue Kollege, oder der neue Handtuchwechsler ist. Ich glaube sie braucht das, um zu katalogisieren. Ich vermute, ihr Hirn funktioniert nicht biochemisch sondern digital. Vielleicht haben sie ihr sogar Mikrochips implantiert, wer weiss das heute schon.
Sie vergisst auch niemals, mit wem sie per-Sie oder per-Du ist. Das ist eng mit den Namen in der Datenbank verknüpft und durchaus beeindruckend, da es sich um ein schier undurchschaubares Geflecht zu handeln scheint. Denn Pauschal-Per-Du’s, z.B. im Kollegenkreis, gibt es nicht. Vielmehr werden nach und nach die Sie’s in Du’s umgewandelt, anscheinend anhand eines geheimen, codierten Bewertungsschemas. Eventuell hängt das zu einem gewissen Teil mit der Delegierungswilligkeit zusammen. Dass ich es trotz Ermangelung einer solchen relativ schnell auf die Du-Liste geschafft habe, mag auch für eine gewisse persönliche Komponente bei der Auswahl sprechen. Vielleicht hat meine ruhige, charmante und unkomplizierte Art da ein paar Nullen und Einsen durcheinander gewirbelt. Manche allerdings schaffen es nie zum Du mit ihr. Sie fallen durch irgendein unbekanntes Raster. Nicht dass ich mir was drauf einbilde, aber da ich als Kind beim Fußball spielen immer einer der letzten war, die ins Team gewählt wurden, weiß ich doch, wie sich so was auf Dauer anfühlen kann.
Ihre liebste Tätigkeit ist Schreiben. Emails schreiben, Vermerke schreiben, Berichte schreiben, Niederschriften schreiben, Delegierungen schreiben. Hauptsache irgendwelche Schreiben schreiben. Stunden-, ja sogar tagelang kann sie sich so mit Nichtigkeiten beschäftigen. Was sie bei der hart arbeitenden Bevölkerung nicht unbedingt beliebter macht. Aber zumindest bringt ihr Delegierungswahn dann zeitweise keine Unordnung ins geordnete Chaos. So ist sie wenigstens beschäftigt, mag man sich denken. Und alles was sie schreibt, wird für alle Ewigkeit auf dem Rechner archiviert. Und zwar restlos alles, egal wie banal es auch sei. Man könnte es ja nochmal brauchen.
So digitalisiert sie ihr gesamtes Werk, ihr gesamtes Leben. Jedesmal, wenn sie das Tätigkeitsfeld wechselt (und das passiert relativ häufig), dann ziehen mit ihr auch ihre digitalen Archive um, und es werden immer mehr. Ein Digitalmessie ist sie, das und nichts anderes. Keine einzige geschliffene Zeile wird weggeschmissen, kein einziges mit Bedacht gesetztes Komma kommt in den Papierkorb. Denn sonst gäbe es eine Lücke in ihrem geordnet archivierten Leben. Eine Digitalamnesie sozusagen. In ein paar Jahren wird es womöglich erst einmal Tage dauern, bis sie ihr gesammeltes Leben zum neuen Arbeitsplatz transferiert hat.
Nicht auszudenken, wenn dabei etwas schief geht. Wenn all ihre Daten auf dem übertragungsweg verloren gehen. Oder durch einen Plattencrash restlos gelöscht werden. Vielleicht verschwindet sie dann, wenn es keine Daten mehr von ihr gibt, selbst spurlos von der Bildfläche. Wer weiß das heute schon.
“Endlich ist die WM vorbei und die Leute werden langsam wieder normal”, schreibt Ghettomaster, und es werden sicher noch andere erleichtert sein.
Ich finde allerdings: es war doch gerade das Schöne, dass die Leute nicht normal waren. Dass sie sich aus jahrelanger latenter emotionaler Depression befreit haben, dass sie unbeschwert gefeiert, geschrien, gelacht und mitgefiebert haben. Dass sie wirklich die Gastfreunde waren, die das Motto der WM vorgab.
Klar war das nicht normal, aber es war schön, und ich würde mir wünschen, dass es zur Normalität wird, jetzt wo viele schon mal über ihren Schatten gesprungen sind und vielleicht gemerkt haben, wie gut es sich anfühlt, sich mal frei zu machen von Angst, Pessimismus und Unmut. Mal so richtig aus sich rauszugehen, und zwar alle gemeinsam. Raus auf die Straße zu gehen, nicht griesgrämig und in Hektik, sondern einfach locker flockig. Andere Autofahrer anzuhupen, nicht weil sie Deppen und Vollspacken sind, sondern weil man sich gemeinsam mit ihnen freut.
Nein, ich hoffe nicht, dass die WM schon vorbei ist. Ich hoffe dass wir sie in unseren Herzen alle weiter feiern. Gemeinsam und für immer.
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