Was das Schreiben betrifft, so fühle ich mich satt. Ich fühle mich satt, weil es mir gut geht. Satt, weil ich meine Gedankenfetzen instant ins Netz kotzen kann. Und ich weiß nicht so recht, ob ich darüber glücklich oder betrübt sein soll. War es doch das Schreiben, auf das ich einst so stolz war.
Ideen, Eindrücke, Gefühle auf einem Blatt notieren, auf einem Bierdeckel, einer Serviette. All das sammeln. Momente in Klarsicht. Gestapelte Zeit. Irgendwann beginnen eine Geschichte zu schreiben. All seine Kraft da hinein legen, all das Feuer, all den Schmerz. All diese Notizen. Sich Zeit lassen. Tage, Wochen, Monate. An den Sätzen feilen, um jedes Wort ringen. Und am Ende dasitzen, lesen, und Tränen in den Augen haben.
Diese Zeiten scheinen vorbei. Seit es mir gut geht. Seit ich mich satt fühle. Glück und Zufriedenheit zeichnen sich durch einen Zustand des Schwebens aus. Nichts wollen, nichts ablehnen - einfach sein. Doch dem Glück wohnt die Gefahr der Sättigung inne, und Zufriedenheit wird allzu leicht zur Selbstzufriedenheit. Das Himmelreich innerer Gelassenheit kann zur Todsünde namens Trägheit mutieren.
Es gab einmal eine Zeit, in der jämmerliche Trübsal oder blinde Euphorie wundervolle Geschichten in mir gebaren. Aber ich will nicht dorthin zurück. Ich will nicht mehr verzweifelt nach etwas suchen, das die Leere in meinem Herzen füllt, und auf falsche Propheten hereinfallen, die den dumpfen Schmerz nur kurz betäuben. Ich will keinen Gedankenbrei mehr wälzen, über den Sinn sinnloser Dinge philosophieren, oder über das übel in der Welt sinnieren. Nein, ich bin nach dreißig Jahren auf dieser seltsam schönen Welt an einem Punkt angekommen, den andere ihr Leben lang suchen und doch nicht finden. Ich sehe die Welt mit der nötigen Distanz, aber doch mit genug Liebe, um ihr Scheinen zu sehen. Ich lasse das Leben an mir vorbei fließen, doch ohne mich zu sehr von ihm zu entfernen oder mich gar verraten zu fühlen. Ich nehme es nicht zu ernst, das Leben, aber doch ernst genug. Ich glaube das richtige Maß zu haben. Ich kann zufrieden sein, traurig, glücklich, wütend, gelassen, ausgelaugt, voller Energie - ohne mir über jeden dieser Zustände den Kopf zerbrechen zu müssen. Ich kann sein, ich kann schweben, ich kann lieben.
Wenn es der Preis für all das ist, die Kraft des Schreibens zu verlieren, so bin ich gerne bereit ihn zu zahlen. Aber vielleicht habe ich diese Fähigkeit nicht verloren, sondern sie hat sich nur verpuppt, um irgendwann in einem neuen Glanz zu erstrahlen.
So seien dies meine Wünsche, um nicht ziellos glücklich der Trägheit zu verfallen:
Keine Ziele zu haben, und doch auf ein Ziel zuzugehen. Dorthin zurück zu kommen, wo ich einmal war, ohne den Ort zu verlassen, an dem ich bin. Und niemals wirklich satt zu werden.
Das Spiel hat schwach angefangen, aber stark nachgelassen.
Johannes B. Kerner in der Halbzeitpause des Pokalspiels FC Bayern - Schalke 04
supi
Der Tag war heiß, doch nun streicht ein erfrischendes Lüftchen über die Veranda. Die Sonne steht tief und färbt den Ozean hellrot und die brausende Gischt der Wellen golden. Meine Sinne sind scharf und klar. Der Wind treibt mir den Geruch von Salz und Muscheln entgegen, und wenn er sich kurz legt, kann ich die Thunfischsauce riechen, die drinnen leise vor sich hin köchelt. Verfeinert mit Weißwein, Zitronensaft, Scheiben schwarzer Oliven und frischem Fenchel.
Die letzten Wassertropfen trocknen und hinterlassen hier und da salzige weiße Muster auf meiner Haut. Meine Haare sind noch etwas nass. Mein Atem ist schon ruhig geworden. Ich greife nach dem Glas, an dem Kondenswasser in dicken Perlen herunterläuft, und genieße die eiskalte Aranciata.
Schließlich wecke ich den Laptop aus seinem Standby, lese die letzten Absätze noch einmal durch und tippe weiter. Ich lasse mir Zeit dabei. Genieße jeden einzelnen Satz, jedes Wort, jeden Buchstaben, jede Interpunktion. Denn es sind die letzten. Das Buch ist gleich fertig. Mein Buch. Ich habe es zu Ende geschrieben. Ich habe nicht nach wenigen Kapiteln aufgehört, die Lust verloren, aufgegeben. Das war früher. Jetzt ist vieles anders. Ich bin angekommen. Hier ist das, was noch fehlte. Das letzte Stück des Puzzles. Das Buch hat mich getragen, voran gepeitscht, es hat mich niemals los gelassen, und jetzt ist es fertig. Und es ist gut.
Mein Engel wird bald zurück sein, und ich werde sie den allerletzten Punkt tippen lassen. Dann werden wir die Nudeln aufsetzen. Und später, wenn es dunkel ist, werden wir barfuß im Sand tanzen, zu dem namenlosen Lied, das der Mond uns spielt.
Einstweilen lehne ich mich zurück und tue das, was ich tun muss.
Ich lächle.
Der Meister füllt einen Becher zur Hälfte mit Wasser, stellt ihn vor seine drei Schüler und fragt:
“Dieser Becher - ist er halb voll oder halb leer?”
“Er ist zur Hälfte leer”, sagt der erste Schüler.
“Nein, der Becher ist halb voll”, widerspricht der zweite.
Der dritte Schüler nimmt den Becher, trinkt einen Schluck daraus und sagt:
“Entschuldigt, Meister.
Ich hatte Durst.”
Die Wahrheit wird uns nicht auf einem Silbertablett serviert. Sie ist ein Meister der Tarnung, der Symbolik, der Täuschung. Um ihr auf die Schliche zu kommen, müssen wir alle Kniffe und Künste aufwenden, die uns die Natur mitgegeben hat.
Beobachten. Mit offenem Herzen, frei von Vorurteilen, Meinungen, Wünschen, Begierden, Gedanken, dem was man uns gelehrt hat oder was wir zu wissen glauben. Denn all diese Dinge verfälschen das, was ist, lenken uns vom richtigen Pfad ab und wollen uns in die Irre führen. Befreien wir uns davon, haben wir gute Chancen.
Die Wahrheit wird uns nicht auf einem Silbertablett serviert. Sie spricht zu uns mit leiser Stimme, kaum zu vernehmen im Getöse des äußeren und des inneren Sturms. Vor allem des inneren. Wir müssen still werden. Und wir müssen ganz genau hinhören. Verdammt gut hinhören, und glaubt mir, das ist nicht leicht. Aber es lohnt sich. Es ist fast so, als würde ein unsagbares Kunstwerk enthüllt, von dem man vorher nichts als grobschlächtige Formen erahnen konnte.
Je stiller du bist, desto mehr kannst du hören.
In diesem Satz steckt mehr drin, als wir vielleicht glauben. üppige Schätze werden wir in diesem Satz finden, wenn wir uns die Mühe machen, danach zu suchen.
Richtig hinzuhören ist eine Kunst, zu der wir alle das Talent besitzen. Wer diese Kunst beherrscht, der hört viel mehr, als ein paar Worte ausdrücken können. Zumal Worte gerne täuschen. Aber hinter den Worten wispert die Wahrheit.
Wenn wir das entdeckt haben, haucht sie uns Erkenntnis ins Ohr.
Es geht mir manchmal so, dass sich das Bild wandelt, das ich von Menschen habe, die mir anfänglich unsympathisch sind. Gerade diese Unsympathie, diese Gegensätzlichkeit von Charakteren und Denkweisen, weckt eine gewisse Neugier. Man beobachtet, findet Reibungspunkte, macht sich seine Gedanken, entdeckt Facetten, die man nicht erwartet hätte. Und wie von Geisterhand verschieben sich die Mosaiksteinchen von alleine an eine andere Stelle und das Bild wird klarer.
Auf der anderen Seite besteht eine tiefe Verbundenheit zu Menschen in meinem nächsten Umfeld, eine magische übereinstimmung ganz tief drin, aus der man Kraft schöpft, an deren Ufer man die Ruhe und Ausgeglichenheit findet, die es einem ermöglicht, an beiden Dingen zu reifen: An der Gleichheit ebenso wie an Gegensätzen.
Kein Mensch ist so, wie man ihn sich vorstellt, und jeder Mensch verändert sich ununterbrochen.
Wer das wundersame Schauspiel der Mosaiksteinchen nicht sieht, dessen Seele hat aufgehört zu atmen.
Manchmal erhebt sich mein vergrabenes Selbst zu voller Größe, schält sich heraus aus dem Körper und sieht ihn auf Ameisengröße schrumpfen. Dann blicke ich mich um, staune, lächle. Und weiß. Denn ich sehe, woraus die Welt gemacht ist. überall. Tief in mir drin.
Da gibt es kein Ich, keine Fragen oder Antworten, keine Worte, keine Beschreibungsversuche. Ohne. Bedeutung.
Aber es gibt ein Selbst.
Dann tauche ich wieder in mein Ameisen-Ich hinein. Ich ringe nach Worten, nach Beschreibungen. Habe Fragen. Ein Fragment das nach Fragmenten sucht. Um ein Ganzes zu fassen, das unfassbar ist.
Wir reden. Wir denken.
Wir suchen.
Manchmal hat man der Hartnäckigkeit einer Frau einfach nichts mehr entgegenzusetzen.
Is wirklich so.
Hat dich der Tod einer bekannten Person jemals beeinflußt? Wie war die Situation und wie hast du dich gefühlt?
- Der Tod von Kurt Cobain hat mich ein bisschen geprägt denke ich. Ich war Anfang 20, und die Musik von Nirvana drückte aus, was ich empfand. Es war nachts, ich lag auf der Couch und schlief. Das Telefon läutete. Damals war es nichts außergewöhnliches, dass mitten in der Nacht jemand bei mir anrief. Ich war zu verschlafen, um dranzugehen. Irgendwie hatte ich aber schon ein komisches Gefühl. Marcus rief aufgeregt aufs Band: “Martin! Kurt Cobain hat sich erschossen! Der Sänger von Nirvana ist tot!” Ein Alptraum. Zugeschnürte Kehle. Pochende Adern. Bewusstsein im Nichts hängend, jenseits von allem. Ich suchte die Sender nach einer Nachrichtensendung ab. Dann rief Marcus nochmal an, aber ich wusste nicht was ich sagen sollte.
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