Montag, 29. Januar 2007

Til Schweiger ist eine sehr polarisierende Person. Ich gehörte bisher eher zur “Anti-Fraktion” und empfand ihn als meist nervigen, weinerlichen Pseudomacho mit rudimentären Schauspieltalenten. Gestern musste ich meine Meinung über Til Schweiger revidieren. Nicht unbedingt was sein schauspielerisches Repertoire anbetrifft, aber seine Fähigkeiten als Filmkünstler insgesamt. Auf Premiere habe ich mir “Barfuss” angesehen; eigentlich auch nur deshalb, weil er bei TV-Spielfilm der Tipp des Tages und von der Beschreibung her genau mein Ding war. Da mir Schweiger bisher nur als Schauspieler ein Begriff war, erstaunte es mich umso mehr, dass er hier auch für Drehbuch und Regie verantwortlich zeichnete. Ein guter deutscher Film - von und mit Til Schweiger? Geht sowas überhaupt? Es geht! “Barfuss” ist trotz kleiner Schwächen einer der besten deutschen Filme, die ich in letzter Zeit gesehen habe.

Til Schweiger, Johanna Wokalek in Barfuss

Nick Keller (Til Schweiger) [...] verliert einen Job nach dem anderen und seine Familie, vor allem sein Stiefvater Heinrich (Michael Mendl) und sein Bruder Viktor (Steffen Wink) halten ihn für einen totalen Versager. Nur seine Mutter (Nadja Tiller) hat den Glauben an ihn noch nicht verloren.
In letzter Sekunde verhindert Nick bei seinem neuesten Aushilfsjob in einer psychiatrischen Klinik, dass sich die junge Leila (Johanna Wokalek) das Leben nimmt. Das hat ungeahnte Konsequenzen: Leila folgt ihrem Retter heimlich und steht abends plötzlich vor seiner Tür. Im Nachthemd und barfuss.
Nicks Versuche, sie abzuwimmeln, schlagen alle fehl � Leila hat beschlossen, für immer bei ihm zu bleiben. Nick, der noch nie in seinem Leben für andere Verantwortung übernommen hat, und Leila, die die Welt mit staunenden Kinderaugen sieht, begeben sich gemeinsam auf eine Reise [...]

“Barfuss” ist eine gelungene Mischung aus Drama, Romanze, Roadmovie und Komödie. Der Streifen ist handwerklich gut gemacht - die Stimmungen, die Musik, das Licht, die Szenerien und der Schnitt bieten hohes Niveau, da ist alles stimmig. Alle Achtung, Herr Schweiger! Die Story und vor allem das Schauspiel der bezaubernden Johanna Wokalek haben mich beeindruckt und berührt. In der Szene, als Leila gegen Ende des Films mit dem Kopf im Schoß einer Pflegerin liegt und ihrer Liebe zu Nick erstmals mit Worten Ausdruck verleiht, da kullerten auch mir Tränen über die Wangen. Nicht dass das zum ersten mal passiert wäre - wenn mich etwas berührt bin ich generell nah am Wasser gebaut. Aber es gibt auch genügend Filme die mich kalt lassen, und ein Film der mich zu Tränen rührt, muss schon das gewisse Etwas haben.

Da Til Schweiger polarisiert, polarisieren auch seine Filme. So stößt “Barfuss” auf geteilte Kritik. Manche Kritikpunkte mögen berechtigt sein: da sich der Film sehr stark auf die Beziehung zwischen Nick und Leila konzentriert, bleiben für die Nebenrollen größtenteils nur Klischees übrig. Und über Schweigers schauspielerische Fähigkeiten kann man wie immer streiten. Ich finde sie im Vergleich zu früheren Filmen gar nicht mal schlecht - nur wenn in rührigen Szenen seine weinerliche Stimme durchbricht, stellen sich auch bei mir wieder die Nackenhaare auf. Die negative Kritik jedoch daran festzumachen, dass der Filmtitel nicht den deutschen Rechtschreibregeln entspricht und richtigerweise “Barfuß” lauten müsste, finde ich allerdings geradezu lächerlich. In weiten Teilen von Presse und Publikum konnte “Barfuss” jedenfalls positiv punkten.

Für die witzigen Momente sorgt hauptsächlich Leila mit ihrer erfrischend kindlichen Sicht der Welt. Weitere Sketch-Elemente werden in kurzen Sequenzen durch so illustre Gestalten wie Markus Maria Profitlich, Axel Stein und Janine Kunze ins Spiel gebracht. Ob das unbedingt nötig war sei einmal dahingestellt, gestört hat es meinen Gesamteindruck nicht. Vielmehr wird durch andere Nebenrollen, wie z.B. Jürgen Vogel und Armin Rohde, irgendwie eine außerordentliche und interessante Mischung daraus.

Til Schweiger kaufte das ursprüngliche Drehbuch bereits 1998 in den USA. Es war eigentlich als eine Mischung aus Ganoventhriller und “Romantic Comedy” konzipiert. Dass Schweiger und seine Crew in den fast sieben Jahren der Entwicklung hin zum fertigen Film weitaus mehr daraus gemacht haben, ist höchst erfreulich. Zumal es ein weiteres Mal beweist, dass auch aus Deutschland wirklich gute Filme kommen können. Sogar von und mit Til Schweiger.

Homepage zum Film
Trailer 1
Trailer 2

 

Reaktionen

#1: Kommentar von Cutiepie

“Barfuss” hab ich schon vor einiger Zeit gesehen und war begeistert....allerdings bin ich das von Til Schweiger schon immer - den würd ich mir gern in die Vitrine stellen ;o))


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