Freitag, 24. November 2006

Es kam wie es kommen musste. Nach dem Amoklauf von Sebastian Bosse, der am 20.11.06 in seiner ehemaligen Schule mehrere Menschen verletzte und sich dann selbst erschoss, drängen sich hauptsächlich Politiker (allen voran die üblichen Verdächtigen wie Stoiber und Beckstein) und Nachrichten-Kommentatoren (deren Meinung merklich auf Vorurteilen und schlechter Information beruht) ins Rampenlicht und fordern ein Herstellungs- und Verbreitungsverbot von sog. “Killerspielen”, wie man sie boulevard-gerecht reißerisch nennt.

Diese “indiskutablen Machwerke”, so Stoiber, “animieren Jugendliche, andere Menschen zu töten.” Grausige Aussichten für die Zukunft, wenn man bedenkt, dass allein in Deutschland ca. 100.000 Menschen Counter-Strike spielen - den weltweit beliebtesten Ego-Shooter, dessen sich die Medien bei den regelmäßigen Killerspieldebatten immer wieder gerne als Aufhänger bedienen.

Ein besonders erwähnenswertes Beispiel an undifferenzierter Polemik liefert die Welt in einem Artikel vom 22.11. ab:
“(...) Killerspiele aber gehören pauschal verurteilt und aus dem Verkehr gezogen”, heißt es dort zum Schluss, “Mag schon sein, dass Jugendliche dann umso schärfer darauf sind. Aber sie dürfen dann nicht mehr überall beworben werden, und die Gesellschaft drückt in diesem Verbot ihre Missbilligung des widerlichem pornografischen und mörderischen Zeitvertreibs aus - genau wie sie es bei Leugnung des Holocaust auch tut - ein Verbot, dass ja auch den Reiz erhöht hat. Die Bewertung neuer Software gehört in staatliche Hände.”
Der Autorin scheint vollkommen entgangen zu sein, dass es mit der BPjM schon lange eine solche staatliche Institution gibt, und dass eben diese (nach dem Amoklauf von Erfurt) sich auch mit Counter-Strike beschäftigte. Zu einer Indizierung des Spiels war es jedoch nicht gekommen.

Doch nicht nur die überwiegend einseitige und schlecht recherchierte Berichterstattung der Medien gibt mir zu denken. Auch die staatlichen Zensurversuche erreichen schon fast chinesisches Niveau. “Ein bizarrer Fall von Netzzensur folgt auf den Amoklauf des 18-jährigen Sebastian B. in Emsdetten. Der ehemalige Schüler (...) berichtete in Webseiten und Foren über die Vorgeschichte seiner Tat. Nur verschwinden die Webseiten mit atemberaubender Geschwindigkeit, werden Foren deaktiviert, in denen der Amokläufer geposted hat”, heißt es bei gulli, wo einige der noch verfügbaren Spuren gesammelt wurden. Und weiter: “Die Zensierer sollten sich jedoch fragen, ob sie die Statements eines Jugendlichen, dessen Anliegen im Internet offensichtlichst darin bestand, gehört zu werden, ins Datennirvana schicken wollen. Und ob sie sich zu Handlangern von Akteuren machen lassen, deren Hauptinteresse offenbar in einer öffentlichen Diskussion besteht, die von Fakten und Originalquellen möglichst wenig belastet wird.”

Und hier kommen wir zum springenden Punkt. Mit fast schon trivialer Voraussehbarkeit manifestiert sich in dieser erneuten Debatte ein Gesellschaftsphänomen, das doch sehr an Lynchjustiz erinnert. Eine Schreckenstat wurde begangen, und so schnell wie möglich muss ein Schuldiger an den nächsten Baum gehängt werden. Und jeder richtet den Zeigefinger ganz schnell auf den, der am verdächtigsten ausschaut (hier die “Killerspiele"), und hat selbst am allerwenigsten damit zu tun.
Wie lässt sich sowas erklären? Ich denke es ist die Angst vor der Wahrheit. Die Angst in den Spiegel zu schauen und sich mit sich selbst auseinandersetzen zu müssen.

An die Politiker gerichtet, speziell jene, die den Schnabel gerade am weitesten aufreißen, lässt es sich nicht besser ausdrücken als die Forderung des Teams von counterstrike.de:
“Wir fordern die Politiker auf, nicht erneut eine so genannte Killerspieldebatte mit faktisch falschen Gleichungen loszutreten und die sozialen oder psychologischen Probleme auf Spiele wie Counter-Strike zu schieben. Vielmehr müssen die Probleme am Kern, am gesellschaftlichen Versagen der Sozialsysteme und Schulen angegangen werden. Was wir brauchen sind mehr professionelle pädagogische Ansprechpartner für Jugendliche in den Schulen oder im Elternhaus, an die sich die Jugendlichen mit ihren Sorgen und Nöten wenden können.”
Killerspiele hin oder her - in einer Gesellschaft, in der es unter dem Deckmantel der Globalisierung zunehmend um Leistung, perfektes Funktionieren und Selbstbereicherung geht, in der die Schere zwischen Arm und Reich immer gravierender wird und die soziale Kälte zunimmt, in der Jugendliche keine Perspektiven haben, Eltern überfordert sind, und Integration nicht funktioniert, da gibt es zwangsläufig Verlierer und Ausgegrenzte. Menschen, die “auf der Strecke bleiben”, und in denen sich Hoffnungslosigkeit und Hass breit machen. Der Abschiedsbrief von Sebastian B. spricht eine deutliche Sprache. Welche Hilfe wird diesen Menschen angeboten? Welche Auswege haben sie?
Nach Erfurt wurden die Vorschriften für den Jugendschutz sowie das Waffengesetz verschärft. Doch wie ist es um deren wirksame überwachung bestellt? Wie kann ein 18-jähriger dennoch an Schusswaffen und Sprengstoff kommen?

Wir brauchen kein Herstellungsverbot von Killerspielen. Was wir brauchen ist mehr Medienkompetenz, ein besseres Schulsystem, mehr Möglichkeiten und Perspektiven für Eltern, Lehrer und Schüler. Und was wir brauchen ist ein gesellschaftlicher Reifungsprozess - mehr Initiative, weniger Egoismus, ein neues Wir-Gefühl.

Denn an uns selbst gerichtet müssen wir uns - gerade in einer Gesellschaft wie dieser - fragen, wie es um unsere Zivilcourage und Sozialkompetenz bestellt ist. Wie wir mit unseren Mitmenschen umgehen. Wie wir uns dem ausländischen Mitbürger, der Putzfrau, dem Müllmann, dem Arbeitslosen, dem Obdachlosen, dem Außenseiter oder Sonderling gegenüber verhalten. Wie wir mit anderen Kulturen, Religionen, Ansichten und Meinungen umgehen. Welche Hemmschwellen, Vorurteile und ängste wir haben. Wie wir Konflikte bewältigen.
Ich selbst habe die Erfahrung gemacht, dass oft schon Kleinigkeiten genügen: ein kleines Lächeln, ein nettes Wort, ehrliches Interesse, ein offenes Ohr, ein wenig Neugier am Andersartigen. Ein bisschen Verständnis und Zuwendung.

Wir spalten Atome, fliegen ins All, und entschlüsseln die Gene. Aber was in unseren Mitmenschen vorgeht, das ist uns oft unbekannt oder wird ignoriert.

Im Juni 2004 schreibt Sebastian B. unter seinem Nickname “ResistantX” im Forum das-beratungsnetz: “Für die, die es noch nicht genau verstanden haben: Ja, es geht hier um Amoklauf! Ich weiss selber nicht woran ich bin, ich weiss nicht mehr weiter, bitte helft mir.”

Seine Hilferufe, sie verhallten weitestgehend ungehört.

 

Reaktionen

#1: Kommentar von Cutiepie

Hallo Bruderherz ! Ein sehr guter Artikel der zum Nachdenken anregt ! Ja, wir haben definitv ein gesellschaftliches Problem...das WIR-Gefühl ist schon lange nicht mehr zu spüren. Stattdessen einfach einen Schuldigen definieren und mächtig drauf rumkloppen anstatt in die Tiefe zu gehen und rauszufinden was wirklich abging - vorallem warum. Und oh Weh oh Weh....wie aufgeschreckt war doch die Bevölkerung als wir dieses Jahr das Fussball-Sommermärchen erleben durften...da zuckte doch glatt für einen kurzen Augenblick dieses WIR-Gefühl durch unsere Reihen und erinnerte uns daran, wie herrlich warm und gut es sich anfühlt zusammenzuhalten...egal ob weiss oder schwarz, Müllmann oder Manager...hach, war das schön !!


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