Eigentlich dachte ich ja, zur Debatte über die so genannten “Killerspiele” sei für’s Erste alles gesagt (Achtung, Wortspiel ^^), doch ein Beitrag des ARD-Magazins Panorama mit dem Titel Morden und Foltern als Freizeitspaß - Killerspiele im Internet nötigt mich zu einem weiteren Artikel.
Schon der Titel des Panorama-Beitrags vom 22. Februar 2007 verrät, dass es mit unabhängiger, wertungsfreier und gut recherchierter Berichterstattung wenig zu tun hat, was die ARD hier abliefert, sondern dass es sich um Boulevard-Journalismus übelster Machart handelt. Was man früher nur von den privaten Fernsehsendern gewohnt war, hält nun immer häufiger Einzug in öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalten. Mit dem Unterschied, dass solche Machwerke auch noch durch Rundfunkgebühren finanziert werden.
Einzelheiten über den Panorama-Beitrag sind z.B. bei golem, netzpolitik, zufallsfaktor, im Farliblog und sehr ausführlich bei Jan Schejbal oder GameStar nachzulesen.
Hier beispielhaft zwei Passagen des golem-Artikels:
[...] neben “Call of Duty 2” [wurden] Szenen aus “Der Pate”, “Doom 3” und “GTA San Andreas” gezeigt. Bei letzterem Titel wurden Ausschnitte aus dem “Hot Coffee Mod” - das erst durch umständliche Patches freigeschaltet werden muss - durch einen geradezu haarsträubenden Text unterlegt: “Wer hier möglichst viele Frauen vergewaltigt, gewinnt.” Dies entspricht genau dem Gegenteil der dargestellten Szene: Kommt es in GTA zum Sex zwischen zwei Spielfiguren, so geht dem eine Verabredung voraus, nach der die weibliche Figur ihren Verehrer “auf einen Kaffee” einladen kann. Von Vergewaltigung kann hier keine Rede sein. Im Kontext von “Panorama” wurde diese umgekehrte Aussage durch den Song “Rape Me” der Band Nirvana unterstrichen, der zu den GTA-Ausschnitten lief. Der Musiktitel wird jedoch mit dem Spiel nicht ausgeliefert.
Statt Medienwissenschaftlern und Psychologen ließ der NDR [...] den Geschäftsführer der Security-Firma PanAmp, Bert Weingarten, zu Wort kommen. Dieser habe, so der Beitrag, “die Call-of-Duty-Szene monatelang im Netz beobachtet”. Weingarten hält das Spiel für besonders gefährlich [...]
Letzteres ist kaum verwunderlich, schließlich vertreibt die Firma PanAmp ein umfangreiches Angebot an Filter-Technologien, Internet-Filtern und Firewall-Systemen, sowie (man höre und staune) Ego-Shooter-Filtern. Ein Schelm wer Böses dabei denkt, würde doch ein nationales oder EU-weites Verbot von “Killerspielen” der Firma zu gut dotierten Aufträgen verhelfen. In einer auf der Website des Unternehmens veröffentlichten Erklärung werden Computer-Spieler als “Online-Soldaten” verunglimpft, die sich “mit den Parolen der Kriegsgeneration online niedermetzeln”. In der Erklärung heißt es zu Beginn: “Im Auftrag einer öffentlich rechtlichen Sendeanstalt, wurde die Online-Nutzung von Killerspielen in Europa analysiert.” Für sowas zahle ich also Rundfunkgebühren…
“Jeder Innenminister, der Killerspiele nicht unmittelbar in die rechtlichen Schranken verweist, versündigt sich an den Online-Spielern und an der kulturellen Harmonie in Europa” so Weingarten abschließend. PanAmp arbeitet übrigens auch mit “staatlichen Stellen” im “Kampf gegen den islamistischen Terror im digitalen Raum” zusammen. Wer Eins und Eins zusammenzählen kann, ist klar im Vorteil…
Haha, jetzt fehlt bloß noch, dass Beckstein im Aufsichtsrat von PanAmp sitzt!
Aber zurück zum Panorama-Bericht. Wie aus Reaktionen im Forum der Sendung herauszulesen ist, wurden aus mehrstündigen Interviews mit Online-Spielern Aussagen einseitig aus dem Zusammenhang gerissen. So schreibt “Daywalker”, Admin eines Call of Duty-Clans: “Wie bekannt ist hat das Interview ca. 5 Stunden gedauert und leider wurden nur 2 Aussagen davon gesendet. Für uns positive Aussagen wurden nicht gesendet, desweiteren waren ca. 95% der dargestellten Szenen nicht aus dem Spiel COD2. [...] Ich werde wohl das komplette Interview zur Verfügung gestellt bekommen und dann als Download bereit stellen. Danach könnt ihr euch selber eine richtige Meinung dazu bilden.”
Update: Mittlerweile gibt es eine Gegendarstellung der interviewten Spieler.
Die Panorama Redaktion verstößt mit ihrem Bericht aufs Gröbste den Leitlinien der ARD, in denen es u.a. heißt:
Die Erfüllung ihres Programmauftrags verbindet die ARD mit einem auf Werten wie Menschenwürde, Toleranz und Minderheitenschutz gründenden Qualitätsanspruch. Besonders in den Kernbereichen Information, Bildung, Beratung und Kultur zählen journalistische Kriterien wie unabhängige Recherche, sorgfältige Auswahl, sachkundige Aufbereitung, objektive Darstellung und anschauliche Vermittlung zu den wesentlichen Erkennungsmerkmalen.
Gesetz-Entwürfe, die erwachsene Computerspieler entmündigen wollen und die Kunstfreiheit beschneiden, öffentlich-rechtliche Fernsehsender, die einseitig verunglimpfende Stimmungsmache mit fragwürdigem Hintergrund betreiben… ja sagt mal sind wir hier im falschen Film oder was? Die Gemeinschaft der Spieler jedenfalls wehrt sich, verfasst Statements und initiiert Kampagnen wie Gamer sind keine Verbrecher und Zeigt euch. Sehr lesenswert ist auch das Blog Hexenjagd auf Computerspiele (via).
Traurig genug, dass sowas nötig ist. Wir wollen doch nur spielen.
Reaktionen
Aus den ARD Forum zum Beitrag “Killerspiele im Internet” (Link) Sehr geehrte Zuschauer/in, da wir zu unserem Beitrag “Killerspiele im Internet” eine Vielzahl von e-mails bekommen haben, können wir leider nicht jede einzelne A...
solange eltern die verantwortung auf andre - sprich: schule, lehrer, freunde, das system - abschieben dürfen - ich hasse unsren staat .... :-(
Wie in meinem gestrigen Artikel bereits beschrieben, hat die Ausstrahlung des Beitrages “Morden und Foltern als Freizeitspaß - Killerspiele im Internet” im Rahmen der Panorama-Sendung eine ganze Menge empörte Stimmen geerntet. Nic...
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Die NDR/ARD-Sendung Panorama hat am 22.02.2007 noch einen weiteren hetzenden und parteiischen Beitrag gegen sogenannte "Killerspiele" gesendet. Dieser Artikel befasst sich mit der Analyse des sachlich falschen Panorama-Beitrags, der auch gegen die eigenen ARD-Leitlinien verstt.