Donnerstag, 19. September 2002

Eine Grippe bringt neben unangenehmen Auswirkungen auch gewisse Vorteile mit sich. So kann man sich beispielsweise während seiner Wachphasen hemmungslos durch zahlreiche Talkshows und Boulevardmagazine zappen. Erinnerlich geblieben ist mir dabei eine Sendung, in der es wohl um Einschlafstörungen und mögliche Abhilfen ging. Dort wurde u.a. angeraten, sich nicht des altbekannten Schäfchenzählens zu bedienen, sondern viel mehr einen Wasserfall vor seinem geistigen Auge vergnüglich plätschern zu lassen. Eine Begründung wurde nicht mit geliefert, jedoch erschließt sie sich einem Laien wie mir folgendermaßen: Das Zählen der Schäfchen an sich ist eine aktive Tätigkeit, die das Hirn über die gedankliche Visualisierung hinaus aufbringt. Eine solche Aktivität wiederum behindert einen ungestörten Einschlafprozess. Der Wasserfall hingegen plätschert ohne unser Zutun vor sich hin, das Hirn des Schlafgestörten muss also abgesehen von der gedanklichen Visualisierung keine weiteren aufwühlenden Leistungen vollbringen, es sei denn es kommt auf die glorreiche Idee, die sekündliche Fallmenge berechnen zu wollen.
Hier kommen wir an einen interessanten Punkt.
Ich schlafe zwar in der Regel sehr gut ein, aber wer hat dieses legendäre Hausmittelchen (Schäfchenzählen) beizeiten noch nicht erprobt? Wenn nun dem so war, wurde es mir schnell zu langweilig, die Schäfchen immer monoton im gleichen Bogen über den Zaun hüpfen zu lassen, wie man es aus so mancher Zeichentrick-Animation kennt. Alle Schafe sahen gleich aus, und alle hüpften den gleichen Bogen - irgendwann kam ich durcheinander. War das nun noch die Nummer 47, die da hüpfte, oder schon die Nummer 48? Während ich noch überlegte, waren schon die nächsten gesprungen, doch wie viele mochten es gewesen sein? Ich behalf mir dadurch, dass ich meinen Schäfchen neben einem individuelleren Aussehen vor allem verschiedene Sprungtechniken beibrachte. Das reichte von einfachen Salti, Schrauben und Beinscheren bei den ersten Springern bis hin zu den halsbrecherischsten Figuren und Kombinationen bei den höheren Startnummern. Da ich mir immer neue Sprung-Varianten einfallen lassen musste, war an ein vernünftiges Zählen nicht mehr zu denken. Nun, die Details sind unwichtig, das Ergebnis war das gleiche: Ich war immer noch wach.
In der Nacht nach dem anfangs erwähnten neuen Ratschlag (Wasserfall) prüfte ich diesen sogleich auf Herz und Nieren. Da plätscherte er also vergnüglich vor sich hin, mein Wasserfall. Tatsächlich, das fühlte sich auf Anhieb viel entspannter an. Er wirkte allerdings noch etwas zu schlicht. Also spielte ich mit Höhe, Gefälle, Wassermenge, Fallgeschwindigkeit. Außerdem fügte ich nette Accessoires hinzu: Felsen, die das Wasser in verschiedene kleine Fälle teilten, und andere, auf die selbige plätscherten. Ein von feinem Sand gesäumtes Becken. Allerlei tropische Gewächse rundherum. Und was fehlte bei dieser Szenerie noch? An dieser Stelle möchte ich noch einmal darauf hinweisen, dass mein Hirn männlich strukturiert ist und naturgemäß nur an das eine denkt, wann immer sich die Gelegenheit dazu bietet. Also, was fehlte noch? Richtig. Ein Hula-Mädchen ohne Hula-Röckchen. Etwas in der Art. Eine, mit der man mal so richtig über Börsendaten und Weltwirtschaft reden kann…
Nun, die Details sind unwichtig, das Ergebnis war das gleiche: Ich war immer noch wach.
Neue Methoden sind folglich nicht unbedingt die besseren, mögen sie auch noch so viel versprechend klingen. Vielleicht findet ja doch irgendwann einmal ein Schlafforscher etwas, das besser funktioniert. Bis dahin hoffe ich weiterhin auf meinen gesunden, natürlichen Schlaf.
Ich danke für die Aufmerksamkeit.

 


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