Mittwoch, 12. September 2007

In der Wohnung war es dunkel. Ich machte das Licht an, streifte die Schuhe ab und legte Geldbeutel und Schlüsselbund auf die Garderobe. Sie war an diesem Abend zu Hause geblieben, und so versuchte ich leise zu sein, obwohl ich sie gut genug kannte, um zu wissen dass sie noch wach war. Ich machte mich im Bad fertig, löschte das Licht und tapste im Dunkeln ins Schlafzimmer (wir hatten uns nach einigen Tagen in getrennten Schlafstätten gegenseitig versichert, dass es kein Problem wäre, aus Gründen der Bequemlichkeit wieder das große gemeinsame Bett zu teilen).
Als ich mich unter die Decke drehte, hörte ich sie tief seufzen. Ich legte mich auf meine linke Seite, ihr zugewandt. Meine Augen gewöhnten sich langsam an die Dunkelheit, und aus dem Schwarz schälte sich ihr Gesicht heraus. Ihre Augen waren geöffnet. Sie sah mich an.
„Hallo“, flüsterte ich sanft.
„Wie war´s“? fragte sie traurig.
„Ganz nett.“
„Wo wart ihr?“
„Im Tagblatt.“
„Mhm.“
Ich spürte, daß es ihr nicht gut ging.
„Ist irgendwas?“ erkundigte ich mich.
„Mir geht´s nicht so gut. Wieder dieses Herzstechen.“ Sie fing an zu weinen.
Ich rutschte näher zu ihr und gab ihr einen Kuss auf die Stirn.
„Das ist bestimmt der Stress.“
Sie drehte sich schniefend auf die andere Seite, um in ein Taschentuch zu schneuzen. Sie legte es beiseite und blieb auf dem Rücken liegen, mit nassglänzenden Augen zur Decke starrend. Ich streichelte ihr über die Wange und wischte mit dem Daumen die Tränen von ihrer Schläfe. Sie fing ganz heftig an zu zittern.
„Mir ist so kalt“, bibberte sie.
Ich zog ihr die Decke bis zum Kinn, kuschelte mich an sie, um sie zu wärmen, und schlang meinen Arm über ihren Bauch, um ihr zu zeigen, dass sie nicht alleine war. Sie drehte sich mit dem Rücken zu mir und wir schmiegten uns ineinander wie zwei zusammengehörende Puzzlestücke. Sie griff sich meine Hand, die vor ihrer Brust auf der Bettdecke ruhte, und presste ihre Lippen darauf.
„Warum kann das nicht aufhören? Ich will endlich wieder ohne Schmerzen leben.“ Ich küsste sie auf den Nacken und drückte ihre Hand fester.
“Warum tut der da oben mir das an?“ fuhr sie fort. „Was habe ich nur verbrochen? Welchen Sinn hat das alles?“
Ich sagte nichts. Die Wahrheit war, dass es keinen Sinn gab, dass jeder sein Kreuz zu tragen hatte, und dass es kein Entrinnen gab. Doch die Wahrheit ist nicht immer leicht zu ertragen. Auch meine buddhistischen Weisheiten würden ihr nichts nützen, im Gegenteil, mit diesem Tick hatte sie noch nie viel am Hut gehabt, damit konnte ich ihr jetzt nicht kommen. Und das wirklich tragische ist, dass dir keine Religion der Welt helfen kann, wenn du nicht weißt, woran du glauben sollst.
Also schwieg ich. War einfach nur da. Bald beruhigte sie sich, hörte auf zu schlottern. Wir tauchten gemeinsam in einen leichten, traurigen Schlaf. Mein Bewusstsein wurde leer, Bildfragmente schwebten herbstblattgleich durch eine dunkle Traumwelt. Braun, rot und gelb. Ich spazierte verloren über das Laub, das sich am Boden sammelte. Der Himmel warf ein tiefes Stöhnen auf mich herab. Nasse Blätter zogen mir die Füße weg, und ich zuckte erschrocken zusammen. 

 

Reaktionen

#1: Kommentar von bored

schön .


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